Review: Finsterforst „YOLO“

29039
„#Yolo“ – Finsterforst drehen den Swag auf (Darstellung: Napalm Records)

„What the…?! Sind das wirklich DIE Finsterforst?!“ – das mag so mancher Anhänger der deutschen Folk-Metal-Band denken, wenn er den Titel des neuesten Finsterforst-Outputs „#YOLO“ in Goldschrift auf dem Cover prangen sieht.

Jenes zeigt im Spielkartendesign einen nach unten gewandten Krieger mit Schwert und Flügelhelm, auf der Oberseite hingegen strahlt einem ein MC-Fitti-Verschnitt mit Selfiestick entgegen – natürlich ebenso bärtig wie besagter Krieger. Das Cover legt bereits nahe, dass wir es hier nicht mit dem üblichen Metal-Album zu tun haben. Wer mutig und „untrve“ genug ist, sich darauf einzulassen, wird jedoch gut unterhalten, so viel seit bereits verraten.

  1. „Bottle Gods“

Hoppla, jetzt hätte ich in gewohnter Manier beinahe zuerst „Battle Gods“ geschrieben. Doch wie gesagt, man darf hier nicht das für den Metal Übliche erwarten. Das Album beginnt mit dem zischenden Öffnen einer Bierflasche. Dann geht es los mit einem klassischen Folk-Metal-Riff Marke Finntroll, gefolgt von einer tanzbaren Akkordeon- und Bläser-Melodie. Spätestens im Refrain erkennt man zudem gewisse Anklänge an Alestorm und Konsorten – auch, weil Finsterforst hier entgegen ihrer Gewohnheit auf Englisch singen. In episch ausufernde Songstrukturen gegossenen Schwermut sucht man hier jedenfalls vergeblich.

  1. „Auf die Zwölf“

Der nächste Song zeigt direkt, dass sich Finsterforst jedoch weiterhin auch der deutschen Sprache verpflichten. Nachdem zunächst in finsterster Manier losgeballert wird, lockert die erste Textzeile die Stimmung wieder auf: „Noch ein letzter Blick in den Spiegel – check! Der Schal sitzt, ein paar Bierchen für den Weg.“ Schnell wird klar, dass Finsterforst sich auch im Fußballstadion zuhause fühlen. „Auf die Zwölf“ würde in der Kurve definitiv mehr Stimmung verbreiten als manch anderer ausgelutschte Stadionhit Marke Tote Hosen oder Oliver Pocher.

 

  1. „#YOLO“

Im Titelsong covern Finsterforst wider Erwarten nicht MC Fitti – auch wenn sie mit dem gechillten Bläser-Intro derbst den Swag aufdrehen –, sondern liefern eine weitere Eigenkomposition. Die Bläser bleiben dabei im gesamten Song über recht dominant – muss man mögen. Wer das tut, dürfte zu „#YOLO“  ordentlich das Tanzbein schwingen. Der Text beschreibt übrigens, wie der neue Gott #YOLO in Walhalla mit Odin und Konsorten eine fette Abrissparty schmeißt, dass Asgard nur so bebt. Inhaltlich also gar nicht so weit weg von der nordischen Mythologie…

  1. „Hangover“

Nach der Party kommt der Kater. Und nein, auch „Hangover“ ist kein Cover – den Hit des R&B-Sängers Taio Cruz haben ja bereits Alestorm auf brilliante Art neu interpretiert. Eingeleitet mit einem Überhang aus „#YOLO“ verbreitet der wieder auf Englisch vorgetragene Song dank seines schleppenden Tempos rasch Katerstimmung. Doch halt – hören wir da Elektro-Elemente?! Ja, auch diese bauen Finsterforst dezent und keinesfalls zu aufdringlich in das Stück ein. „Hangover“ würde sich gut als Rausschmeißer eignen – das schädelbedrückende Ende einer kurzen, wilden Sauftour. Doch stattdessen startet die Band in die zweite Hälfte des Albums, die (fast) ausschließlich Cover beinhaltet. Hier steht so mancher Geist nun vermutlich am Scheideweg.

  1. „Wrecking Ball“

Wie auch immer man zu Miley Cyrus stehen mag, der für sie geschriebene „Wrecking Ball“ ist ein fantastischer Pop-Song. Zu Finsterforst mag der Titel jedoch so gar nicht passen. Meint man. Bis man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt ob des Gehörten: Johannes Joseph und Oliver Berlin liefern eine dermaßen starke Gesangs-Performance ab, dass einem der Mund vor Staunen offen stehen bleibt. Besonders Berlin drückt den Refrain mit der besungengen Wucht einer Abrissbirne in den Gehörgang, dass es im Trommelfell  nur so scheppert. Instrumental ist das kein hartes Geballer, klar. Aber Doublebass würde zu dem Song auch nicht passen. Ein grandioses Cover!

  1. „Beat It“

Und um die Latte gleich noch ein gutes Stück höher zu legen, wagen sich Finsterforst danach direkt an einen der besten Songs des unsterblichen King of Pop heran. Ihre Version von „Beat It“ startet zunächst ungewohnt und etwas befremdlich mit einem kurzen Dubstep-Intro (!), bevor die Gitarre das berühmte Riff anstimmt und den Titel in gewohnte Fahrwasser lenkt. Stimmlich reichen Finsterforst zwar nicht an Michael Jackson heran – aber dieser Vergleich verbietet sich ja eigentlich von selbst. Im Mittelteil bringen die Bläser etwas Abwechslung in den Song, der sonst als relativ wenig experimentelles, aber grundsolides Cover daherkommt.

  1. „Der durch die Scheibeboxxxer“

Im folgenden Titel greifen Finsterforst nach ihrem kurzen Ausflug in die Höhen der Pop-Musik wieder das ursprüngliche Thema des Albums auf: Saufen, Party, #YOLO. Um das Niveau zu etablieren, versucht sich die Band an einem Cover von „Der durch die Scheibeboxxxer“ – ich als passionierter K.I.Z-Fan war darauf natürlich besonders gespannt. Da das Original nicht an E-Gitarren geizt, bietet sich der Titel zumindest instrumental schon mal an. Stimmlich sichert sich Oliver Berlin schnell das Prädikat Nomen est omen: Der Sänger kann Nico Seyferts Assi-Berliner-Style wunderbar rüberbringen. Randnotiz: Für Lokalkolorit sorgen die Schwarzwälder im Refrain durch den Austausch der „Breitling-Uhr“ durch ein bekanntes regionales Produkt (kleiner Tipp: eher ungeeignet für das Tragen am Handgelenk). Insgesamt ballert Finsterforsts Version des Titels fast genauso gut wie das Original. Textzeilen wie „kann dir jern die Faust bis zur Schulter ins Jesicht stopfen“ oder „120 Euro?! Mann, du sollst doch keenen kaltmachen!“ treffen mitten in die Fresse. Lediglich bei der finalen Klimax des dritten Parts reicht Oliver Berlin stimmlich nicht ganz an Nicos Intensität und Aggressivität heran – was aber wirklich ein Luxusproblem ist. Richtig starkes Cover!

  1. „Flasche leer“

„Was?! Erlaube?! Struuunz?!“ – kommt jetzt tatsächlich eine Metal-Intonation der bekannten Trappatoni-Wutrede? Nein, so weit drehen Finsterforst dann leider doch nicht an der Spaßschraube. Doch was heißt „leider“? „Flasche leer“ ist eine ansprechende kleine Eigenkomposition, die als Interlude fungiert. Die Grillen zirpen laut, das Banjo düdelt leise, irgendwann fängt noch jemand das Pfeifen an. Lagerfeuerstimmung. Und eine logische Überleitung zum nächsten Titel.

  1. „Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“

Was wäre ein gutes Album zum Thema Alkohol ohne ein Cover der Kassierer? Finsterforst machen der Kultband mit ihrer Interpretation von „Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“ auf jeden Fall alle Ehre. Einfache Wahrheiten sollte man auf einfache Weise aussprechen. Was bleibt zu diesem philosophischen Höhenflug sonst noch groß zu sagen? #sotrue #sodeep #gehmalbierholenduwirstschonwiederhässlich

  1. „Wild Rover“

Spätestens jetzt liegen sich die Hörer vermutlich gröhlend und schunkelnd mit drei Promille bierselig in den Armen. Als Schlusspunkt bietet sich hier einfach ein irisches Traditional an: „Wild Rover“, unter anderem auch schon gehört von den Dropkick Murphys. Schunkeln, singen, hoch die Krüge! Wer will, kann natürlich auch „An der Nordseeküste“ anstimmen, who cares? #YOLO! Das Outro des Songs lässt schließlich – nach dem Öffnen des letzten Bieres  – sogar Weihnachtsstimmung aufkommen. Leise rieselt der Schnee. Schööön!

FAZIT

Finsterforst liefern mit „#YOLO“ ein sehr unterhaltsames Album für Leute ohne musikalische Scheuklappen. Unter dem Banner von Party und Alkohol versammelt die Band fünf Eigenkompositionen und fünf komplett unterschiedliche, aber allesamt gelungene Cover. Die Scheibe macht von Song zu Song (und Bier zu Bier) mehr Spaß. Puristen, die über die Vermengung von Metal und Humor nur die Nase rümpfen können, sollten jedoch wohl eher die Finger davon lassen. Wenn man als im Grunde ernsthafte Band mit einem solch kurzweiligen Album jedoch Ironie beweist – anders kann man „YOLO“, das Jugendwort 2012, als Lange-nicht-mehr-Teenager eh kaum ertragen  –, begrüße ich das sehr. Auf dem nächsten Longplayer liefern Finsterforst sicher wieder den gewohnten Folk-Metal-Bombast wie zuletzt auf „Mach dich frei“. Bis dahin stapeln ihre Fans das Brennholz in #-Form und wärmen ihre Vollbärte und Bärenkutten am Lagerfeuer im Schwarzwald. Und schießen ein paar Sauf-Selfies. Prost!

WERTUNG: 77%

HIGHLIGHTS: „Bottle Gods“, „Wrecking Ball“, „Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“

Finsterforst – „#YOLO“ (VÖ: 16.09. über Napalm Records)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Review: Finsterforst „YOLO“

  1. Da bin ich vollkommen deiner Meinung. Hab mir des Album von denJungs mit Autogrammen in Karlsruhe besorgt und feier des so heftig XD Ich finde, sie sollten sich angewöhnen, ab sofort willkürlich Songs von diesem Album als Zugabe zu spielen ^^

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s