Review: In Flames „Battles“

In Flames polarisieren. Für manche noch immer eine der größten Metal-Bands aller Zeiten, für andere seit Jahren lediglich ein Schatten ihrer selbst. Dass In Flames stilistisch bereits seit längerem auf moderneren Pfaden wandeln als ihre alten Göteborger Melo-Death-Kollegen, konnten viele Fans der ersten Stunde nur schwer verdauen. Auch ich bin seit „A Sense Of Purpose“ etwas von ihnen weggedriftet. „Siren Charms“ von 2014 war dann ein echter Griff ins Klo – zu gewollt, zu beliebig, zu inkonsequent, zu soft. Was sollte man von der neuen Scheibe „Battles“ also erwarten?

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Aufgabe für den Kommentarbereich: Beschreibe dieses Cover in einem Satz! (Darstellung: Nuclear Blast)

Nach den ersten Vorab-Singles war ich unschlüssig. „The End“ ist vom ersten Ton weg durch und durch In Flames und hätte so auch schon vor zehn Jahren auf „Come Clarity“ erscheinen können. Monströses Riffing verpaart mit epischen Gesangslinien und Melodien – Metal-Herz, was willst du mehr?  Einziger Kritikpunkt: der Kinder-Chor im Refrain. Geht! Gar! Nicht! Jedoch fällt dies ob der Großartigkeit des restlichen Songs zum Glück kaum ins Gewicht.

Ganz anders verhält es sich bei „The Truth“. Der Titel scheint von Anfang an auf Live-Tauglichkeit getrimmt worden zu sein: ein „We are, we are, we are“-Kinder-Chor, dazu rhythmisches Geklatsche. Naja. Anders Fridens Gesangslinie hat mich zwischenzeitlich an „Heathens“ von Twenty-One Pilots erinnert. Hmm. Wenigstens der Mittelteil bringt die melodischen Qualitäten der Band wieder hervor. Der Rest geht zwar schnell ins Ohr, aber nicht zwingend auf eine gute Weise. Leider eher Kategorie „nerviger Ohrwurm“.

Das Haar in der Suppe

„Through My Eyes“ hingegen ballert vom Start weg volle Kanne los, immer mitten in die Fresse rein! Friden kreischt wieder, das Schlagzeug hämmert erbarmungslos – „Take This Life“ lässt grüßen. Der Refrain ist nicht hit-verdächtig, aber doch sehr ansprechend. Hätten die Schweden hier noch ein paar Prozent draufgepackt, wäre der Song eine echte Granate. Aber das ist das sprichwörtliche Haar in der Suppe.

Nun noch zu „Save Me“, dem vierten vorab veröffentlichten Song. Nach ein paar elektronischen Spielereien hauen In Flames direkt wieder eine der unsterblichen Gitarrenmelodien raus, für die sie seit Jahrzehnten vergöttert werden. Friden kreischt im Folgenden jedoch etwas zu gestelzt. Der Refrain reißt mich auch nicht so recht vom Hocker. Auch hier wäre wohl etwas mehr drin gewesen. Denn in Sachen Melodik macht der Band weiterhin kaum jemand etwas vor. Doch kommen wir jetzt zu den anderen Album-Tracks.

Ein musikalischer Höllenhund

Der Opener „Drained“ beginnt verhalten mit elektronisch untermalten Gitarrenklängen. Dann lassen In Flames direkt das erste wutschnaubende Killer-Riff von der Leine. Leider fangen sie den musikalischen Höllenhund etwas schnell wieder ein. Dafür entpuppt sich der Chorus als einer der wundervollsten In-Flames-Momente, den ich je hören durfte. Mitsingpflicht! Den ersten Erfolg bringt die Band dann souverän ins Ziel. Nach dem inkonsequentem „Siren Charms“ endlich wieder ein runder Song!

„Like Sand“ drosselt das Tempo etwas. Der Gesang und leider auch die Gitarrenmelodie zünden jedoch nicht recht und wirken zu gewollt und bemüht. Im Refrain entfaltet die Band wieder ihr volles Potenzial, absolut großartig! So bleibt das Stück doch eher positiv im Gedächtnis hängen.

Melodie, Druck und Anders-Gesang

„In My Room“ ist erneut ab dem ersten Ton unverkennbar In Flames. Musikalisch wieder ein Ohrenschmaus, der gekonnt zwischen Vergangenheit und Moderne oszilliert. Nur der Gesang wirkt (wieder) etwas deplaziert. So leider nur ein ordentlicher Song mit tollen Melodien.

Melodik ist auch direkt wieder das Leitmotiv bei „Before I Fall“, das sich grandios vor dem Hörer aufbaut. Hier reiht sich auch der Gesang besser ins Gesamtkonzept des Songs ein, die Gesangslinien überzeugen. Ein Musterbeispiel für den Sound, der In Flames anno 2016 ausmacht. Mag man, oder mag man nicht. Ich mag ihn.

Der Titeltrack „Battles“ setzt mehr auf Druck denn auf Melodik. Was gut passt und für Abwechslung sorgt. Gesangstechnisch versucht Anders Friden teilweise leider erneut zu bemüht, seinem Vornamen gerecht zu werden. Der Refrain zündet jedoch extrem gut und drückt den Hörer an die Wand. Erfolgreiche Schlacht!

Kitsch, Klischee, Kinder-Chor

Nun „Here Until Forever“. Hmm. Songs mit solchen Titeln begegne ich meist recht skeptisch. Schnulzige Liebesballade? Verheulte Trauerhymne? In Flames bedienen keines der genannten Klischees. Positiv fallen erneut die sehr druckvollen Gitarren ins Gewicht. Textlich trieft der Schmalz dann leider doch etwas zu sehr. Immerhin nimmt Friden nicht „love“ in den Mund und nähert sich stimmlich nicht zu nah an gewisse Herzschmerz-Emo-Metalcore-Bands an. So bekommt „Here Until Forever“ doch noch die Kurve zu einem guten Song – auch wenn der unsägliche Kinder-Chor kurz wieder durchscheint.

Der nächste Song heißt „Underneath My Skin“. Ein leichter Schauer fährt mir über den Rücken. Was halten In Flames jetzt für mich bereit? Noch mehr Kitsch? Die Befürchtungen werden glücklicherweise direkt durch eine weitere Monsterwelle von einem Riff ertränkt. Gesanglich schafft es Friden während der Strophe leider erneut zu irritieren. Zum Glück fängt sich der Sänger im Refrain und veredelt diese Passage mit seiner urtypischen Gesangsweise. Insgesamt ein sehr cooler Song.

Der Druck steigt

„Wallflower“ stellt mit knapp über 7 Minuten das längste Stück des Albums dar. Musikalisch passiert hier eine Menge, bis die Gitarrendampfwalze in Fahrt kommt. Aus ihrem Motor dröhnen ungewöhnliche Post-Metal-Anleihen, die an Isis, Cult Of Luna oder Pelican erinnern. Richtig fett! Nach knapp 2:30 Minuten springt auch Friden auf den Schwertransporter auf und verleiht dem Gefährt einen passenden Anstrich. Im Refrain geht es dann wieder epischst zur Sache. „Wallflower“ glänzt durch einen Abwechslungsreichtum, den ich so innerhalb eines In-Flames-Songs niemals erwartet hätte. Ein wahnsinnig spannendes Stück!

„Greatest Greed“ drückt von Anfang an aufs Gaspedal und macht einfach Laune. Der Refrain fällt etwas poppig aus, aber damit kann ich leben. Das Gitarrensolo ist verhältnismäßig lange, dient jedoch in erster Linie dem Song und nicht der Befriedigung eines narzisstischen Gitarristen-Egos – wie eigentlich immer bei In Flames. So kommt einmal mehr ein rundes Stück modernen Metals dabei rum.

Auch bei „Us Against The World“ geht dick die Post ab. Dass der Refrain auch hier etwas zu sehr „Happy Metal“ ist – geschenkt. Der Song reißt einfach mit. Und plötzlich ist es vorbei. Schlacht beendet.

FAZIT

Musikalisch ist bei In Flames endlich wieder alles im Reinen. Die unsterblichen Melodien bauen sich in alter Größe vor dem Hörer auf, der Druck der Instrumente ist dem Zeitgeist entsprechend. Auch wenn die Band sich von ihrem ursprünglichen Sound längst distanziert hat, ist die gute alte Göteburger Schule nicht zu überhören. Nur der Gesang… Irgendwie finde ich leider mitunter keinen rechten Zugang zu den ungewöhnlich wirkenden Gesangslinien, die Friden anstimmt. Jedoch kitzelt der Frontmann dafür zum Teil derart epische Refrains aus seinen Stimmbändern heraus, dass man über die schwächeren Parts hinweghören kann. Klar wäre hier und da noch das ein oder andere Prozent mehr zu holen gewesen – dieses Potenzial hat die Band –, aber insgesamt ist „Battles“ eine sehr runde, in sich stimmige Sache. Für mich das beste In-Flames-Album seit „Come Clarity“.

WERTUNG: 80%

HIGHLIGHTS: „Drained“, „The End“, „Wallflower“

In Flames „Battles“ (VÖ: 11.11. via Nuclear Blast)

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