Review: Antilopen Gang „Anarchie und Alltag“

Ist die Antilopen Gang nun wirklich „Die neue Antilopen Gang“, seit sie bei einem großen Label unter Vertrag steht? Sind die Punk-Attitüde und Anti-Alles-Parolen einem Mainstream-tauglicheren Image gewichen? Man könnte es meinen, sieht man sich den Erfolg des Vorgängeralbums „Aversion“ an. Nach dem eingeschobenen Mixtape „Abwasser“ haben Koljah, Danger Dan und Panik Panzer nun „Anarchie und Alltag“ auf den Markt gebracht – übrigens am selben Tag, als Donald Trump sein Amt als Präsident antrat. Zufall?

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Welch ein Idyll – oder? (Cover: JKP)

Über den Opener „Das Trojanische Pferd“ habe ich mich ja schon mal ausgelassen. Der Track stellt eine Parallele zu „Die neue Antilopen Gang“ von „Aversion“ dar, das die Vertragsunterschrift beim Toten-Hosen-Label JKP selbstironisch reflektierte. Nun geht es um die „wahren Hintergründe“ des kommerziellen Erfolgs und der großen Aufmerksamkeit durch die Mainstream-Medien. Man muss mit den Wölfen heulen bzw. mit den Schweinen grunzen, um sie zu besiegen. Yeah!

Mit „Patientenkollektiv“ gehen die Antilopen textlich direkt zurück zu ihren Wurzeln. Sie beschreiben biographisch, wie krank sie beim Anblick der Gesellschaft wurden – und dass man ja nicht ganz gesund im Kopf sein kann, wenn einen diese kaputte Welt nicht krank macht. So lieb ich die Jungs! Also auf zur Gruppentherapie beim Antilopen-Konzert!

Nach den beiden Highlights folgt dann leider ein Tiefpunkt. Also, nicht direkt. Denn zuerst wird ein Bild der krisen- und kriegsgebeutelten Welt gezeichnet, das durchaus spannend ist. Aber dann… entsteht eine Lobeshymne auf Pizza als Friedensbringer. BITTE?! Na gut, vielleicht parodieren die Antilopen damit diese Leute, die so etwas wirklich denken. Falls es die gibt. Ansonsten ist es einfach nur dämlich und nicht witzig. Und dazu noch so radiotauglich aufgemacht, dass man sich in der Airplay-Liste bequem zwischen SDP und den 257ers einordnen könnte – Pizzi-Pizzi-Pizza! Wo „Verliebt“ auf „Aversion“ ja noch einen ganz netten Twist hatte, ist „Pizza“ jetzt einfach nur blöd und nervig. Aber selbst Punk-Rapper müssen eben von was leben… „und gesungene Hooks, weil wir Hits brauchen“.

Also, nichts gegen eingängige Songs an sich. „Fiasko“ ist das perfekte Beispiel, wie ein partytauglicher Antilopen-Track klingen kann, bei dem sich die drei Rapper selbst wieder komplett niedermachen. Und das einfach wieder auf grandios lustige Art und Weise. Gegen die Hosen und Feine Sahne Fischfilet wird auch noch geschossen. Und gegen die Kritiker, die noch „in jeder Scheiße irgendwelche popkulturellen Querverweise“ finden. Dazu noch ein Gitarrensolo. Nice!

Wenn der IS mit der PEGIDA…

Dann wird es wieder politisch. Schon mal von Denis Cuspert alias Deso Dogg gehört? Das war ein ehemaliger Berliner Gangsta-Rapper fragwürdigen Talents, der irgendwann meinte, für den IS in Syrien kämpfen zu müssen. Und dabei draufgegangen ist. Im Song lebt er aber noch – und ist aus Einsamkeit bei Tinder unterwegs. Wer dort sein „Tindermatch“ ist? Ein gewisser Lutz Bachmann. Genau, der Föhrer von PEGIDA! Aber wie kann das denn sein, dass die Dating-App jene beiden Todfeinde miteinander verkuppeln möchte? Nun, weil Hass auf Schwule, Juden etc. eben verbindet… Sehr feiner Track, der beiden Extremisten-Gruppen auf den Schlips tritt.

War dir das bislang alles noch zu lebensbejahend und optimistisch? Dann tauchen wir mit „ALF“ jetzt ganz tief ein in den Tümpel der Traurigkeit. Denn die Antilopen fühlen sich dem zotteligen Alien zutiefst verbunden – „gefangen in einer Sitcom mit einer Handvoll Freunden und sieben Milliarden Wichsern“. Und ALFs Schicksal ist wirklich ziemlich traurig: Seine Heimat Melmak ist explodiert, all seine Freunde und Verwandten sind tot und er lebt nun im Verborgenen auf einem fremden Planeten. Da kann einem nicht mal ein autogetuneter Panik Panzer drüber hinweghelfen. Männliche Tränen sind an dieser Stelle erlaubt. Kurze Pause zum Taschentücher holen…

Hilfe, jetzt wird gepogt!

Auf „Anarchie und Alltag“ präsentieren die Antilopen auch zwei Feature-Gäste: Fatoni und Schorsch Kamerun. Erstgenannter wertet den Track „Liebe Grüße“ mit seinem Beitrag auf. Der Song dreht sich um nervige Idioten, mit denen man lieber nichts mehr zu tun haben möchte. Besagter Fatoni landet dabei auch selbst in jener Rolle – nach einem homoerotischen Moment auf Tour mit den Antilopen. Hrrrr…. Ist ganz nett gemacht und man kann den Grundgedanken des Songs gut nachempfinden, aber ist jetzt kein Brüller. Ebensowenig wie „Hilfe“. Inhaltlich erinnert der Track an „Kontaktanzeige“ auf „Aschenbecher“ von Danger Dan und NMZS: Die verwahrlosten und lebensunfähigen Antilopen suchen jemanden, der ihr verkacktes Leben auf die Reihe bringt. Ganz witzig gemacht, aber eben nichts grundlegend Neues. Und der Refrain… das ist mir dann doch ein bisschen zu viel Wise Guys. Zumindest bis am Ende plötzlich der Punk abgeht und wild gepogt werden darf! Und so geht es auch direkt weiter.

„Baggersee“ klingt ja ganz idyllisch. Ist es aber nicht. Sondern ein kompletter Punk-Rock-Song, der namensgebend war für das Bonus-Album „Atombombe auf Deutschland“ (was übrigens auch sehr cool ist). Das Stück klingt so, wie Ärzte und Hosen vor etlichen Jahrzehnten mal klangen – rau, rotzig, antideutsch, aber trotzdem mit einem Augenzwinkern. Hoffentlich packen die Jungs den Titel auf ihre Live-Setlist, denn dann ist der Abriss garantiert! Auf dem Album schlägt die revolutionäre Energie hingegen zunächst wieder in depressive Niedergeschlagenheit um.

Ertränkte Träume am Tresen

Illustriert wird dies im Track „Fugen im Parkett“ durch das Bild einer Kneipe, wo die „Parallelgesellschaft der Loser an der Bar“ herumlungert und sich ob ihres aussichtslosen Lebens betrinkt. Wieder extrem traurig. Weil es Realität ist. Weil viele Menschen ihr Potenzial vergeudet haben. Weil ihnen keine Perspektive geboten wurde. Den Refrain krächzt Schorsch Kamerun, seines Zeichens unter anderem Gründer und Sänger der Punkband Die Goldenen Zitronen. Das klingt nicht schön, aber warum sollte es auch? Die Antilopen erschaffen mit sehr ausdrucksstarker Sprache ein rundes Bild von Leben, in denen alles sehr unrund lief. Die bedrückende Ausweglosigkeit des Szenarios erscheint dabei fast kafkaesk. Sehr emotionaler und starker Song!

Mit „Flop“ wird das Trio dann wieder selbstreflexiv und –ironisch. Dass man zwar rappen könne, aber trotzdem keine Aussicht auf Erfolg habe. Sondern eben floppe und auf ewig „ das übernächste große Ding“ bleibe. Die sprachlichen Bilder sind dabei wieder herrlich kreativ und absurd. Kurzweiliger, amüsanter Track!

Rentner, Gangster, Pampers

Der Titel „RAF Rentner“ ist mir neben „Patientenkollektiv“ und „Tindermatch“ als erstes ins Auge gesprungen. Worum es geht? Joa, eben wie die einstigen RAF-Fanatiker nun im Altersheim sitzen und in die Erwachsenenwindel machen. Und ihre geplante Revolution schon lange gescheitert ist. Könnte man traurig finden, ginge es nicht um linksextreme Terroristen und Mörder. So distanzieren sich die Antilopen natürlich auch zurecht von diesen Spinnern aus einer längst vergangenen Zeit, die „in den 70ern schon am Ende“ waren.

Zwei Tracks bleiben noch auf diesem abwechslungsreichen Album. Der erste heißt „Lob der Lüge“, und es geht ums Lügen (ach was!). Darum, andere zu belügen, aber auch sich selbst. Was wir alle täglich tun. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Zitat Barney Stinson: „Menschen finden nur nicht gerne heraus, dass man sie angelogen hat. Aber sie wollen die Lüge, sie brauchen die Lüge“. True story! Oder doch gelogen? Wer weiß… Aus dem Munde von Rappern, deren Texte ein Stück weit auch immer dazu dienen, die eigene Kunstfigur zu definieren – man denke an Genetikks „König der Lügner“ – gewinnt der Song natürlich noch eine weitere interessante Bedeutungsnote. Und wie war das gleich wieder mit der „Lügenpresse“? Doch nun zum finalen Akt!

Wenn dieser eine Anruf kommt…

Die Antilopen haben sich schon vor Jahren im Song „15“ dagegen gewehrt, die eigene Jugend als ach so geil zu glorifizieren. Mit „Gestern war nicht besser“ setzen sie diesen Gedanken fort. Denn das Leben ist ein ständiges Auf und Ab, auf jeden Höhenflug folgt ein tiefer Fall und umgekehrt. Das lässt sich nicht ändern, egal wie heftig man sich dagegen wehrt. „Und immer wenn man denkt, man hat alles im Griff, kommt dieser Anruf, den man dann ein Leben lang nicht mehr vergisst“ – ich glaube, jeder findet in seiner Vergangenheit diesen einen Moment, um den es hier geht. „Denn Anarchie und Alltag haben mehr gemeinsam, als man glaubt.“ Der Alltag kann noch so gut laufen und sorgenfrei sein, bis plötzlich die Anarchie einbricht und alles über den Haufen wirft. Das ist der Titel des Albums und seine Grundaussage. Und das drückt auch das Cover aus, auf dem über dem friedlichen Familienidyll schon die (metaphorische) Bombe im Anflug ist.

FAZIT

Ja, die Antilopen Gang ist seit dem Hosen-Deal eine „neue“, jedoch nur äußerlich. Klar sind die Songs jetzt besser instrumentiert und produziert, und den ein oder anderen Airplay-Hit will man den Jungs auch gar nicht verdenken. Aber letztlich zählen doch die inneren Werte. Und hier ist die Antilopen Gang immer noch die „alte“. Das war auf „Aversion“ so, und setzt sich auf „Anarchie und Alltag“ nahtlos fort. Insgesamt wirkt das Album sogar noch depressiver und düsterer als sein Vorgänger, vor allem hintenraus. Die Fähigkeit zur Selbstironie, Selbstreflexion und Selbstentstellung wohnt den drei Rappern weiterhin inne. Die meisten Leute werden das ach so witzige, locker leichte „Pizza“ vermutlich hart abfeiern. Für die anderen gilt weiterhin der Satz: „Lieder für Verlierer, nur ein Niemand peilt die Gang“. Und schreiben in ein Kommentarfeld: „Ich hab es verstanden!“

WERTUNG: 90%

HIGHLIGHTS: alles außer „Pizza“, „Liebe Grüße“ und „Hilfe“

Antilopen Gang „Anarchie und Alltag“ (VÖ: 20.01.2017 über JKP)

 

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