Linkin Park: Neue Single „Heavy“ – Stilbruch oder verfrühter Aprilscherz?

Nachdem Linkin Park 2014 mit „The Hunting Party“ furios in mein CD-Regal zurückgekehrt waren, hatte man von den Jungs nicht mehr viel gehört. Nun kündigte die Band für den 19. Mai die Veröffentlichung des neuen Albums „One More Light“ an. Als Vorgeschmack gibt es bereits jetzt die neue Single „Heavy“. Und die ist – Achtung, Wortwitz! – richtig schwere Kost…

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Frisch vom letzten Malle-Urlaub: das Cover zu „One More Light“ (Cover: Warner Music)

Bevor wir zur Diskussion kommen, hier die Fakten:

  • „Heavy“ ist alles andere als heavy. Nicht mal ein bisschen. Eigentlich ist es so weit von jeglicher Heavyness entfernt, wie dies auf der Härte-Skala überhaupt möglich ist. Das perfekte Oxymoron! Geht aber ja auch um das Gefühl, wie beschwerlich der Alltag doch ist. Massenkompatibles, allgemeingültiges Thema- check!
  • Mit Kiiara begrüßen Linkin Park eine Gastsängerin, die durchaus singen kann. Nicht außergewöhnlich gut, aber für Radio-Hörer ansprechend. Zum Vergleich: Auf „The Hunting Party“ sang u.a. noch Daron Malakian von System Of A Down mit. Beide Hörer-Geschlechter abgedeckt – check!
  • „Heavy“ dauert gerade einmal 2:49 Minuten, von denen am Ende noch ein paar Sekunden wegfallen. So ist der Song kaum im linken Ohr drin, bevor er aus dem rechten schon wieder hinausfliegt. Radiotaugliche, schnell durchhörbare Länge – check!
  • Ein kurzer Wiki-Check verrät mir: Gitarrist Brad Delson und Gitarrist/Rapper Mike Shinoda sind noch Teil der Band. Hört man nur nicht. Es ertönen nämlich nur Klavier, Synthies und ein sehr sanfter Beat. Alle „harten“ Klangelemente verbannt – check!

Falls euch all diese Punkte noch nicht Warnung genug waren, und ihr euch „Heavy“ wirklich antun möchtet – bitte sehr! Schließlich muss man ja wissen, worüber man diskutiert…

Wo fang ich nur an…? Ich will keinen auf Hater machen und auch nicht engstirnig klingen. Oder wie ein ewig gestriger Musik-Nazi… Gut, beginnen wir so:

Linkin Park waren noch nie die „typische Rockband“. Sie lieben es offensichtlich, ihre Fans mit Experimenten zu überraschen. Da waren das Remix-Album „Reanimation“, das Kollabo-Album „Collision Course“ mit Jay-Z, dann eine vermehrt pop-rockige Ausrichtung ab „Minutes To Midnight“ im Verbund mit einer weiteren Zunahme der elektronischen Elemente (siehe z.B. „A Light That Never Comes“ mit Steve Aoki) in den Folgejahren. Und dann, als ich schon schwer daran zweifelte, ob die Gitarristen überhaupt noch wissen, in welche Buchse des Verstärkers das Kabel gehört – „The Hunting Party“! Ein LP-Album im Zeichen von Rock und Metal! Was für ein Tag, als ich die Scheibe zum ersten Mal hören durfte! Und heute?

ZWISCHEN EXPERIMENT, ENTWICKLUNG UND STILBRUCH

Ich mag Experimente. Ich mag es sehr, wenn eine Band über die Jahre an ihrem Sound herumschraubt. Wer 40 Jahre lang die selbe Musik hören will, kann ja zu AC/DC gehen. Von daher finde ich Linkin Parks Herangehensweise im Grunde genommen gut. Eine Band darf nur, bei allen Experimenten und Entwicklungen, niemals ihren Wiedererkennungswert verlieren. Das haben Linkin Park bei den meisten ihrer eher poppigen Sachen noch ganz gut hinbekommen. „Castle Of Glass“ war hier ein erster kritischer Kotz-Punkt. Mit der Zeit fand ich die Melodien trotz des insgesamt sehr soften Klangbildes jedoch einigermaßen ansprechend. Kein toller Song, aber immerhin irgendwie noch Linkin Park. „Heavy“ hingegen…

Man stelle sich einmal vor, der männliche Gesangspart würde statt von Chester Bennington beispielsweise von Ryan Tedder (OneRepublic) übernommen. Würde funktionieren, oder? Wie wäre es mit Chris Martin (Coldplay)? Auch möglich. Oder aber von Zayn Malik (ex-One Direction). Oder – in finaler Konsequenz – von Justin Bieber. Worüber man sonst nicht einmal gequält schmunzeln würde, klingt hier nicht einmal so abwegig. Tut es euch einfach mal an, und hört erst „Sorry“ von Justin Bieber (im Namen der Wissenschaft muss man Opfer bringen!) und dann „Heavy“. Gewisse Parallelen springen mir da zumindest schon ins Gesicht… Noch mal zum Mitschreiben: Wir reden hier von LINKIN PARK und JUSTIN BIEBER!

Klar, Linkin Park hatten schon immer auch ruhigere Lieder. Und ich habe an sich natürlich nichts gegen ruhige Songs. Auch nichts gegen langsame Songs, kurze Songs, traurige Songs oder Songs mit elektronischen Einflüssen. Aber was diese eigentlich so talentierten Musiker da produziert haben, ist dann doch eine Spur zu heavy (höhö) für mich und jenseits meiner Toleranzgrenze. Der Song stellt einen unglaublichen Stilbruch gegenüber  allen Titeln auf „The Hunting Party“ dar.

EINE ROSE VOM „BACHELOR“ FÜR LINKIN PARK

Denn „Heavy“ ist einfach nur Radiomusik. Und nicht mal wirklich gute Radiomusik. Im Vergleich mit anderen Pop-Stücken wirkt es sogar erschreckend belanglos, textlich wie musikalisch. Vielleicht entdecken ja Robin Schulz, Felix Jaehn und Konsorten den Song für sich und machen einen noch softeren und belangloseren Deep-House-Remix daraus. Oder der Song untermalt bald einen dramatischen Herz-Schmerz-Moment bei „Der Bachelor“. Wundern würde es mich nicht.

Außerdem erwähnenswert: Auf Linkin Parks Facebook-Page stößt das Stück größtenteils auf positive Resonanz. Schließlich müsse sich eine Band ja weiterentwickeln dürfen, auch wenn die Hater was anderes sagen. Dass Linkin Park nie wieder Alben wie „Hybrid Theory“ oder „Meteora“ machen werden, dürfte inzwischen längst klar sein. Auch „The Hunting Party“ war trotz seiner Heavyness ganz anders als ihre ersten beiden Scheiben.

Doch wollte die Band vor drei Jahren mit ihrer Rückkehr zu „harter“ Musik laut Mike Shinoda ein Statement setzen gegen die „fleischlose“ Kost anderer Künstler. (Den genauen Hintergrund findet ihr bei Wiki.) Und jetzt liefern Linkin Park selbst derartige Magerkost ab? Ein kritischer Kommentator hatte diesen Umstand bei Facebook zurecht als Scheinheiligkeit bezeichnet. Als hätten Linkin Park zunächst die Fans der „alten Tage“ zurückgewinnen wollen, und nun möchten sie eben die dadurch verschreckten Radio-Fans wieder beruhigen. Solange die Kasse klingelt…

VERSUCH EINES POSITIVEN ABSCHLUSSES

Was bleibt noch zu sagen? Wie kann ich diesen Artikel mit etwas Positivem beenden? Nun, es gibt zwei theoretische Überlegungen, die mir trotzdem Mut machen:

1.) „Heavy“ war eine verdammt schlecht gewählte Single-Auskopplung, die für die anderen Songs auf „One More Light“ null repräsentativ ist. Und die anderen Tracks sind richtige Granaten. Dann wäre „Heavy“ allerdings ein brutaler Fremdkörper auf dem Album und ein klassischer Fall für die Skip-Taste.
2.) Linkin Park sind die größten Trolle der Musikwelt und „Heavy“ war nur ein schlechter, verfrühter Aprilscherz. Und es existiert eine andere Version von „Heavy“, die ihrem Titel alle Ehre macht und statt der Single-Version auf dem Album drauf ist. Und die dann natürlich auch live gespielt wird, während das softe „Heavy“ nur im Radio läuft.

Ob ihr eines der beiden Szenarien realistisch findet, überlasse ich euch.

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