Review: Evocation „The Shadow Archetype“

Evocation ist eine dieser Bands, die ich zwar kenne, die für mich jedoch bislang eher in der zweiten oder gar dritten Reihe stand. Schließlich weist gerade der schwedische Death Metal ein Überangebot an hochklassigen Bands auf. Keine leichte Aufgabe also, sich in diesem Umfeld zu behaupten. Mit ihrem neuen Album „The Shadow Archetype“ verkürzen Evocation jedoch den Rückstand auf At The Gates & Co.

Evocation The Shadow Archetype Metal Blade
Der Kollege hat auch schon bessere Tage gesehen… (Cover: Metal Blade)

„Into Ruins“ – programmatischer kann man das Intro einer Death-Metal-Scheibe kaum benennen. Denn Evocation lassen tatsächlich keinen Stein auf dem anderen. Bombastische Streicher und Chöre sucht man im Intro vergeblich. Ganz klassisch ebnet die Saiten-Fraktion den Pfad, untermalt lediglich durch ein unheilvolles Glockenläuten. Und schon schlägt mir die Band mit „Condemned To The Grave“ das erste Riff-Brett ins Gesicht. Melodien blitzen hier vorerst nur vereinzelt im Hintergrund auf, der Fokus liegt klar auf stampfender Zerstörung. Doch verleiht dieser dosierte Melodie-Einsatz der Schlachtplatte genau die richtige Würze. Mit knapp über drei Minuten ein knackiger Einstieg, der den Werken etablierter Genre-Größen in nichts nachsteht. Nachzuhören, ebenso wie das ganze Album, am Ende dieses Reviews.

MIT EVOCATION IN DER MOSHPIT-KÜCHE

Auch „Modus Operandi“ geht nach circa 30 Sekunden mit Vollgas nach vorne. Moshpit-Material! Der Refrain erinnert mich dann spontan an Neaera, auch wenn dies wohl nicht die nächstliegende Assoziation ist. Im Mittelteil schwingen sich Evocation fast schon zu melodischem At-The-Gates-Niveau auf. Aber nur fast. Hinten raus büßt der Song etwas an Spannung ein, hinterlässt insgesamt dennoch einen positiven Eindruck. Bei „Children Of Stone“ hält die Band die Gäule zunächst ebenfalls im Zaum. Erst nach gut einer Minute darf der Moshpit hochkochen, bevor der Refrain die Stimmung wieder abkühlt. Im Mittelteil kriecht der Song ähnlich gemächlich dahin wie am Anfang, jedoch klingt auch hier ein bisschen At The Gates durch. Die Melodien entwickeln sich wiederum nicht so konsequent und episch wie bei besagten Genre-Urvätern.

„The Coroner“ eröffnet mit einem Killer-Riff, das nahtlos in einen klassischen Uffta-Uffta-Moshpit-Part übergeht. So mag ich das! Als dann auch noch ein kleines Solo unerwartet von der Seite in den Song hineinblutgrätscht, fühl ich mich wie im Death-Metal-Wunderland. „The Coroner“ ist ein echt fieses Brett, das sich mit Sicherheit auch ein gewisser Peter Tägtgren gerne über den Kamin nageln würde. Doch nun zum Titeltrack „The Shadow Archetype“.

Dieser lässt meinen Kopf direkt rhythmisch gen Erdmittelpunkt und wieder zurück knallen. Im Kriechgang bahnt sich der Song unaufhaltsam seinen Weg durch das schwedische Unterholz. Dem Mittelteil mangelt es zwar etwas an melodischer Originalität, doch tut dieses kleine Manko der allgemeinen Abrissstimmung keinen Abbruch. Allerdings strafen mich Evocation mit dem Instrumentalstück „Blind Obedience“ direkt der Lüge was ihre melodischen Qualitäten angeht. Im Fackelschein der Akustikklänge werden Erinnerungen an Großtaten aus den Anfangstagen von In Flames wach. Von Nostalgie erfüllt verdrücke ich eine Träne und wende mich dem nächsten Song zu. Der mich mit einem Leberhaken ins Hier und Jetzt zurückholt.

WIE EIN PANZER IM PORZELLANLADEN

„Survival Of The Sickest“ steht auf dem Boxhandschuh geschrieben, der meine Eingeweide malträtiert. Gnadenlos, kompromisslos, Death Metal. Nach einer weiteren wilden Fahrt auf dem Moshpit-Karussell erhebt sich ein epischer Refrain aus der Masse geschundener Leiber. Diesem leistet später auch noch ein kleines, feines Solo Gesellschaft. Ein rundum gelungener Song, der leider nach drei Minuten schon wieder endet. Aber wenn alles gesagt ist, ist alles gesagt. Außerdem wartet mit „Sulphur And Blood“ direkt die nächste Abrissbirne. Die melodischen Einschübe nehmen hier fast schon Bolt-Throwereske Züge an. Und auch sonst schlägt der Song ein wie ein britischer Panzer im Porzellanladen. Ebenso wie das folgende „Imperium Fall“, das sich in drei Worten beschreiben lässt: Schnell, kurz, heftig. Im Refrain kühlt die Hitze des Gefechts zwar etwas ab, doch größtenteils ist einfach harte Action angesagt. Und schon sind wir beim letzten Kapitel angelangt.

Dieses ist, wie sich das gehört, zugleich das längste Stück des Albums. Der „Dark Day Sunrise“ schleppt sich bleischwer über den Horizont und beleuchtet die bereits im Intro prophezeiten Ruinen. Schutt und Asche, das Resultat der unbändigen Wucht, mit der Evocation auf „The Shadow Archetype“ elf Songs lang alles zerstört haben. Melodisch ist das leider nicht das ganz große Kino-Finale, das ich mir erhofft hatte, aber dennoch ein würdiger Abschluss.

FAZIT

Dismember, At The Gates, Grave, Hypocrisy, Bloodbath, Vomitory, früher auch Amon Amarth und In Flames – die Liste hochklassiger Death-Metal-Bands aus dem Lande der Elche und des Knäckebrots ist lang. Evocation gehören für mich (noch) nicht dazu. „The Shadow Archetype“ ist jedoch ein großer Schritt in Richtung dieses elitären Kreises. In Sachen Abriss stimmt bei den Mannen um Sänger Thomas Josefsson bereits so gut wie alles. Wenn sie in Zukunft auch noch bei den Melodien hier und da eine Schippe drauflegen können, und diese mit der nötigen Härte in Einklang bringen, haben sie in mir definitiv einen Fan dazugewonnen.

WERTUNG: 83%

HIGHLIGHTS: „Condemned To The Grave“, „The Coroner“, „Blind Obedience“, „Survival Of The Sickest“

Evocation „The Shadow Archetype“ (VÖ: 17.03.2017 über Metal Blade)

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